
Das erwartet dich
- Warum „Labrador“ um 1830 der Name eines ganz anderen Hundes war
- Woran ein Zeitzeuge 1907 zweifelte, als die Rasse gerade anerkannt war
- Wie weit Arbeitslinie und Showlinie auseinanderliegen, im Erbgut und im Verhalten
- Warum beim Gewicht dieser Rasse ein Gen mitredet und der Mensch trotzdem viel in der Hand hat
- Was hinter dem Silber-Labrador steckt
Film
Bevor es um Fischerhäfen, Herzöge und Arbeitslinien geht, hier der Labrador zunächst im Film.

Abb.: „Commencement of a Cripple-Chase, after firing 2 lbs of Shot into a Skein of Brent Geese, & Two Wild Swans.“, aus: Peter Hawker, „Instructions to Young Sportsmen“, Longman, London 1830 (Gemeinfrei). Der schwimmende schwarze Hund im Vordergrund ist nach Hawkers eigener Hündin gezeichnet, die aus St. John’s in Neufundland eingeführt war. Er zeigt den Schlag, aus dem der Labrador hervorging, nicht die heutige Rasse.
Material zum Reel: Gila Fichtlmeier sowie @woody_an_der_paar
Kurzbeschreibung
Der Labrador Retriever, meist kurz Labrador genannt, stammt aus Großbritannien, wo er aus Hunden von der Küste Neufundlands als Apportierhund für die Jagd gezüchtet wurde. Rüden erreichen nach dem FCI-Standard eine ideale Widerristhöhe von 56 bis 57 cm, Hündinnen von 54 bis 56 cm. Ein Gewicht legt der Standard nicht fest, er schließt übermäßiges Gewicht aber ausdrücklich aus. Seine Lebenserwartung beträgt im Median rund 13 Jahre. Sein kurzes, dichtes Haar fühlt sich ziemlich hart an und sitzt über einer wetterfesten Unterwolle. Es gibt ihn in drei Farben, einfarbig schwarz, gelb oder braun, wobei Gelb vom hellen Creme bis zum Fuchsrot reicht. Seine dicke, runde Rute erinnert an einen Otter. Sein Charakter ist ausgeglichen und eifrig, und er sucht die Nähe seiner Menschen.
Wie die Rasse um 1900 beschrieben wurde
Als F. E. Schofield 1907 über den Labrador schreibt, ist die Rasse gerade vier Jahre anerkannt, und er weiß, wie wenig sich über ihre Anfänge sicher sagen lässt. Dass sie mit dem Neufundländer gemeinsame Wurzeln hat, bezweifelt er nicht. Aber die frühen Berichte hätten beide kaum auseinandergehalten, und manches, was als Neufundländer im Jagdfeld durch die Sportpresse ging, sei in Wahrheit ein Labrador gewesen (Schofield, in: Leighton, The New Book of the Dog, 1907, S. 261).
Den Weg der Hunde nach England verfolgt Schofield über die Häfen, in denen die Schiffe aus dem Neufundlandhandel anlegten, allen voran Poole an der Südküste. Dort kamen sie an, dort kauften die Jäger. Was danach aus ihnen wurde, lag in sehr wenigen Händen. Schofield beschreibt keine Rasse, die von Liebhabern und Ausstellungen lebte, sondern eine, die eine Handvoll Gutsherren für die eigene Jagd hielt, allen voran der Herzog von Buccleuch. Ausgelesen wurde allein nach der Arbeit. Bei der Wahl des Deckrüden, schreibt er, sei sie „sine quâ non“ gewesen, die Bedingung, ohne die nichts ging (S. 264). Wie ein Labrador aussah, war zweitrangig, solange er Wild fand und es unversehrt brachte. Schwarz waren sie fast alle. Umso mehr überrascht ihn eine kleine Zucht gelber Hunde, die er ausdrücklich als „pure Labradors“ gelten lässt (S. 265).
Dann wagt Schofield eine Vorhersage: „That the Labrador will ever be appreciated by the rank and file, and become a popular show dog, I very much doubt“ (S. 264). In eigener Übersetzung: Dass der Labrador je von der breiten Masse geschätzt und ein beliebter Ausstellungshund werde, bezweifle er sehr. Dieser Hund gehöre an die Seite des Jägers, nicht in den Salon.
Gekommen ist es anders. Der Labrador steht heute weit oben in der Welpenstatistik, und neben dem Hund für das Feld gibt es längst einen für den Ring. Warum es so kam, erklärt Schofields Satz nicht. Er zeigt aber, wo alles anfing: bei wenigen Hunden in wenigen Händen, gemessen an nichts anderem als ihrer Arbeit.
Quelle: F. E. Schofield (1907), in: Robert Leighton, The New Book of the Dog, S. 261 bis 265. Vollständige Quellenangabe siehe Quellen.
Die Entstehung der Rasse
Was Schofield Labrador nennt, hieß zwei Generationen früher anders. Peter Hawker unterscheidet in seinen „Instructions to Young Sportsmen“, die er schon 1816 in zweiter Auflage herausgab, zwei Schläge des Neufundländers, den eigentlichen Labrador und den St.-John’s-Schlag. Den einen beschreibt er als sehr groß und rauhaarig, mit hoch getragener Rute, gehalten, um Schlitten voll Holz zu ziehen. Der andere sei meist schwarz, kaum größer als ein Pointer, kurz- oder glatthaarig und „by far the best for every kind of shooting“ (Hawker, Instructions to Young Sportsmen, 1830, S. 248 bis 249). An der Küste werde der St.-John’s-Schlag vor allem von Fischern gehalten (S. 249).
Wie diese Hunde in Neufundland lebten, schildert der Geologe Joseph Beete Jukes, der 1839 an der Südküste unterwegs war. Er beschreibt einen dünnen, kurzhaarigen, schwarzen Hund, den häufigsten Hund des Landes, der sich seine Fische selbst fing, sie regelmäßig an dieselbe Stelle trug, dort ablegte und keinen davon fraß (Jukes, Excursions in and about Newfoundland, Band 1, 1842, S. 191 bis 192). Ob die Hunde, die nach England kamen, von diesem Schlag waren, sagt Jukes nicht.
Der Name blieb noch Jahrzehnte beim großen Hund. H. D. Richardson führt 1847 den „Labrador Dog“ als Riesen von 28 bis 30 Zoll Schulterhöhe und nennt den kleineren Wasserhund „Lesser Labrador“ (Richardson, Dogs: their origin and varieties, 1847, S. 77 bis 78). Erst 1882 heißt bei J. H. Walsh, der unter dem Namen Stonehenge schrieb, der kleine Hund „the Labrador, otherwise called the St. John or Lesser Newfoundland“ (Stonehenge, The Dogs of the British Islands, 1882, S. 179). Woher der Name kommt, klären die Quellen damit nicht. Sie zeigen, dass er gewandert ist.
In Deutschland war davon lange wenig zu sehen. Ludwig Beckmann nennt die Retriever 1894 eine englische Rasse, die „auf dem Continent nur wenig verbreitet“ sei, und erwähnt den Labrador als Zuchtmaterial des schwarzen Retrievers (Beckmann, Geschichte und Beschreibung der Rassen des Hundes, Band 1, 1894, S. 220 bis 221). In England hatte der Kennel Club die Rasse 1903 anerkannt (Schofield, 1907, S. 261). Der Deutsche Retriever Club wurde 1963 gegründet, der erste Labradorwurf 1966 beim VDH eingetragen (Vereinsangabe). Heute betreuen zwei VDH-Vereine die Rasse, der Deutsche Retriever Club und der Labrador Club Deutschland. 2025 wurden dort zusammen 2.401 Welpen eingetragen, nach dem Deutschen Schäferhund und dem Teckel die dritthöchste Zahl der Statistik.
Ursprüngliche Verwendung und Entwicklung
Die Arbeit des Labradors beginnt nach dem Schuss. Er soll angeschossenes und erlegtes Wild finden, aufnehmen und unbeschädigt zum Jäger bringen, auf dem Feld, im Gehölz und vor allem aus dem Wasser. Hawker hielt ihn dafür für unübertroffen: „For finding wounded game, of every description, there is not his equal in the canine race“ (Hawker, 1830, S. 249). Seine Nase sei kaum zu glauben, schreibt er: Ein solcher Hund folge einem angeschossenen Fasan durch ein Gehölz voller Wild (S. 249). Der FCI-Standard beschreibt, was dazu gehört: „Vorzügliche Nase, weiches Maul; begeisternde Wasserfreudigkeit“ (FCI-Standard Nr. 122, Abschnitt Verhalten und Charakter). Das weiche Maul ist dabei keine Nebensache, denn Wild, das zerbissen beim Jäger ankommt, ist verdorben. Gearbeitet wird dabei in unmittelbarer Nähe des Menschen.
In Deutschland wird der Labrador auch vor dem Schuss geführt und beim Buschieren, während er in England überwiegend nach dem Schuss arbeitet (Vereinsangabe). Die meisten Labradore leben heute aber nicht bei Jägern. Sie sind Familienhunde, und dazu kommt eine Reihe von Berufen, für die seine Anlagen taugen. 31 von 35 deutschen Blindenführhundschulen, die der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband verzeichnet, nennen nach eigener Angabe den Labrador unter den Rassen, die sie ausbilden. Beim Zoll war er nach Angabe der Bundesregierung 2020 die häufigste Rasse unter den reinen Spürhunden.
Was diese Rasse heute prägt
Der Labrador ist auf Zusammenarbeit gezüchtet, und zwar in Reichweite, und das bestimmt sein Wesen bis heute. Der Standard beschreibt ihn als „intelligent, eifrig und willig, mit großem Bedürfnis seinem Besitzer Freude zu bereiten“, dazu als „anpassungsfähigen, hingebungsvollen Begleiter“ (FCI-Standard Nr. 122, Abschnitt Verhalten und Charakter). Das ist die Folge einer Arbeit, die neben dem Menschen beginnt und bei ihm endet.
Ins Wasser geht er fast zu jeder Jahreszeit, und seine Nase ist gut. Am deutlichsten aber zeigt sich die Anlage im Maul: Der Labrador nimmt auf, trägt und bringt, oft ohne dass ihn jemand dazu auffordert, und er tut es mit weichem Maul. Im Alltag sind es Handschuh, Stock, Schuh und die Plastikflasche am Wegrand. Dazu hat er viel Temperament; das englische Original des FCI-Standards nennt ihn „very agile“, sehr beweglich. Wie viel Jagdhund in einem Labrador steckt, hängt stark von der Linie ab, aus der er stammt; das steht weiter unten. Was ein Retriever mit Beute anfängt, beschreibt das Sachthema Jagdverhalten.
Was Hundehalter heute erwarten, und woran sie sich reiben
Wer einen Labrador sucht, sucht meist einen Hund für die Familie, und dafür bringt er viel mit. Wo es hakt, merken viele erst im Alltag, und oft dort, wo sie es am wenigsten erwartet hätten.
An der Haustür zum Beispiel. Ein erwachsener Labrador, der sich freut, freut sich mit dem ganzen Körper: Er springt Besuch an, drängt sich zwischen spielende Kinder, legt sich mit seinem ganzen Gewicht in jeden Schoß und begrüßt Fremde auf der Straße wie alte Bekannte. Was beim Welpen niedlich war, wird für ältere Menschen, kleine Kinder und alle, die Hunde nicht mögen, zur Zumutung.
Oder in den ersten zwei, drei Jahren. In dieser Zeit hat ein junger Labrador ständig etwas vor, und ohne Aufgabe sucht er sich eine: Er räumt Schuhe aus dem Flur, trägt Kissen durch den Garten und nimmt draußen auf, was er findet. Diese Jahre brauchen Geduld.
Und am Wasser. Gezüchtet wurde der Labrador für die Arbeit an Teich, Fluss und Küste, und ein Weiher mit Enten zieht ihn an wie kaum etwas sonst. Wer das nicht einplant, steht irgendwann am Ufer und wartet, bis sein Hund wieder herauskommt.
Show- und Arbeitslinie
Beim Labrador gibt es zwei Zuchtrichtungen, die Showlinie und die Arbeitslinie, und sie unterscheiden sich deutlich. Die Showlinie wird auf das Erscheinungsbild im Ring gezüchtet, die Arbeitslinie, oft auch Field-Trial-Linie genannt, auf die jagdliche Arbeit, auf Tempo, Nase, Ausdauer und Führigkeit. Der Deutsche Retriever Club beschreibt den Labrador aus der Arbeitslinie als leichter gebaut, mit schmalerem Kopf, meist langem Fang und wenig Stop, mit weniger Brusttiefe und oft etwas längerem Rücken, und verbindet seinen ausgeprägten Arbeitswillen „in der Regel mit einem sensibleren Wesen“ (Vereinsangabe). Der Labrador aus der Showlinie ist schwerer, tiefer in der Brust, breiter im Kopf und kürzer im Fang.
Dass die beiden Richtungen auseinandergegangen sind, zeigt sich inzwischen im Erbgut. Eine britische Untersuchung an 728 im Kennel Club eingetragenen Labradoren fand zwei genetische Gruppen: Jagdlich geführte Hunde gehörten überwiegend zur einen, Ausstellungshunde fast vollständig zur anderen, Familienhunde verteilten sich auf beide. Die stärksten Unterschiede lagen in Erbgutabschnitten, die mit der Schädelform zu tun haben, nicht in denen der Fellfarbe. Schokobraune Labradore fanden sich überwiegend in der Ausstellungsgruppe (Wiener und andere, BMC Genomics, 2017). Beim Golden Retriever, der dieselben zwei Zuchtrichtungen kennt, ist eine solche Trennung im Erbgut bisher nicht belegt (Veterinary Genetics Laboratory, University of California Davis, 2019).
Auch im Verhalten unterscheiden sich die Linien, aber weniger, als man annehmen könnte. Eine Befragung zu 445 britischen Labradoren ergab für die Arbeitslinie höhere Werte bei der Ansprechbarkeit, also dabei, wie leicht ein Hund auf seinen Menschen eingeht und sich ausbilden lässt. Die Unterschiede waren klein, und innerhalb jeder Linie streuten die Hunde weit (Fadel und andere, Scientific Reports, 2016). Die Autoren weisen selbst darauf hin, wie klein diese Unterschiede sind.
Die beiden deutschen Vereine gehen mit den Linien unterschiedlich um. Der Deutsche Retriever Club verlangt, dass bei jeder Verpaarung mindestens ein Elterntier eine retrievertypische Prüfung abgelegt hat, und führt eine eigene jagdliche Leistungszucht. Der Labrador Club Deutschland unterscheidet Standardzucht, jagdliche Zucht und Leistungszucht (Vereinsangaben). Schofield hätte die Frage 1907 nicht verstanden. Für ihn gab es nur einen Labrador, und der musste arbeiten.
Anforderungen, die diese Rasse stellt
Am meisten braucht dieser Hund eine Arbeit, in der seine Anlage etwas zu tun bekommt, und zwei Aufgaben passen zu dem, was die Quellen über ihn berichten. Die Apportierarbeit greift auf, was ihn seit Hawkers Zeiten ausmacht: finden, aufnehmen, mit weichem Maul tragen und zu einem Menschen bringen. Die Personensuche greift die Nasenleistung auf, die schon Hawker an diesem Hund rühmte, und dabei bleibt der Mensch im Mittelpunkt, dessen Nähe dieser Hund ohnehin sucht. Was beides ist, steht im Sachthema Jagdverhalten. Auch wer ihn jagdlich führt, plant diese Arbeit für die Wochen und Monate zwischen den Jagden ein.
Dazu gehört Zeit mit ihm. Lange Stunden allein verträgt ein Labrador schlecht, und draußen will er etwas zu tun haben, am liebsten am Wasser. Er braucht einen Menschen, der Nähe gibt und Grenzen setzt, freundlich und gleichbleibend, gerade in den Jahren, in denen der junge Hund seine Kraft noch nicht einteilen kann.
Das kurze Fell macht wenig Arbeit. Die Hängeohren eines Hundes, der so viel schwimmt, brauchen dafür regelmäßige Kontrolle.
Gesundheit im Blick
Unter den Krankheiten, auf die man beim Labrador achten muss, steht das Übergewicht vorn. Es wird bei ihm häufiger diagnostiziert als bei anderen Hunden, und ein Teil davon hat eine genetische Ursache: Viele Labradore tragen eine Veränderung im POMC-Gen, die mit mehr Hunger und mehr Körpergewicht einhergeht. Für den Halter heißt das, bei diesem Hund genauer hinzusehen. Gerade bei den erblich vorbelasteten Hunden zeigt eine Studie, dass eine strenge Führung von Futter und Bewegung den Unterschied macht.
Das zweite Thema sind die Gelenke, allen voran die Ellbogen und die Arthrose im Alter; in den Zuchtvereinen werden Hüften und Ellbogen vor der Zucht geröntgt. Häufig sind außerdem Ohrentzündungen und gutartige Fettgeschwülste, die Lipome. Für mehrere Erbkrankheiten verlangen die Zuchtvereine Gentests, darunter für die Stargardt-Krankheit der Netzhaut, bei der das Sehen langsam nachlässt, aber zum Teil erhalten bleibt, und für den belastungsinduzierten Kollaps. Bei der Kupferspeicherkrankheit der Leber spielen Gene und Fütterung zusammen. Insgesamt ist der Labrador nicht häufiger krank als andere Hunde, er ist anders krank. Die Lebenserwartung liegt mit rund 13,1 Jahren im Median gut über dem Wert großer Rassen von 11,9 Jahren. Die Zahlen und Belege stehen unten.
Zur Qualzuchtfrage
Was Qualzucht rechtlich bedeutet und wie andere Länder sie regeln, steht im Sachthema Qualzucht. Für den Labrador betrifft es eine Farbfrage.
Neben Schwarz, Gelb und Braun werden seit einigen Jahren Labradore in Silber, Charcoal und Champagner angeboten. Das sind keine eigenen Farben, sondern aufgehellte: Ein Hund, der ein bestimmtes Gen, das MLPH-Gen, in veränderter Form von beiden Eltern erbt, trägt statt Braun ein helles Grau, statt Schwarz ein dunkles Grau, statt Gelb ein blasses Beige. Mit dieser Aufhellung kann eine Hauterkrankung verbunden sein, die Farbmutantenalopezie, mit Haarausfall, Juckreiz und Entzündungen der Haarfollikel. Nach der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz erkrankt nicht jeder aufgehellte Hund, aber jeder erkrankte Hund ist aufgehellt. Eine Studie, die zählt, wie viele aufgehellte Labradore erkranken, gibt es nicht. Dieselbe Vereinigung nennt den „silver Labrador“ unter den Züchtungen, bei denen die Erkrankung stark verbreitet sei, und verlangt, die Zucht auf Aufhellung bei betroffenen Rassen kritisch zu betrachten.
Auf diese Einschätzung stützte sich 2025 auch das Verwaltungsgericht Lüneburg. Es bestätigte in zwei Urteilen die Anordnungen, die eine Behörde einer gewerblichen Züchterin erteilt hatte, darunter das Verbot, farbaufgehellte Zuchthunde zu verpaaren. Die Verpaarung zweier Labradore, die das aufhellende Gen tragen, lasse erwarten, dass bei den Nachkommen Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten.
Der Rassestandard lässt die Aufhellung nicht zu. Er kennt nur einfarbig Schwarz, Gelb und Leber/Schokoladenbraun. Seit der Fassung von 2022 ist nach dem englischen Original, das allein verbindlich ist, „any other coat colour or combination of colours“ ein disqualifizierender Fehler; in der deutschen Übersetzung fehlt dieser Punkt. Der Labrador Club Deutschland verlangt, dass bei jeder Verpaarung ein Partner genetisch frei von der Aufhellung ist (Vereinsangabe). Der britische Kennel Club verlangt den Test seit 2023 für jeden eingeführten Labrador, der eingetragen werden soll.
Für jede Zucht, ob im Verein oder außerhalb, gilt das Qualzuchtverbot des Tierschutzgesetzes, und auf ihm beruhten die Anordnungen im Lüneburger Fall. Wie viele aufgehellte Labradore es hierzulande gibt, ist nicht belegt.
↓ Die genauen Zahlen und die Belege dazu stehen unter „Zahlen und Studien zur Gesundheit“.
Zahlen und Studien zur Gesundheit
Lebenserwartung. Die größte verfügbare Auswertung, gestützt auf 584.734 Hunde aus britischen Datenbeständen, kommt für den Labrador auf 13,1 Jahre im Median, erhoben an 43.428 Hunden mit 16.155 Sterbefällen. Mischlinge liegen in derselben Arbeit bei 12,0 Jahren, große Rassen, zu denen die Arbeit den Labrador zählt, bei 11,9 Jahren.[1] Für eine große Rasse ist das ein sehr guter Wert. Andere Arbeiten, die das Sterbealter gemeldeter Todesfälle auswerten, kommen auf niedrigere Zahlen; sie messen etwas anderes und sind mit dieser Überlebensanalyse nicht vergleichbar.
Das Gesamtbild. Eine Auswertung britischer Tierarztpraxen aus dem Jahr 2016 hat 1.462 Labradore mit allen übrigen Hunden verglichen. 68,1 Prozent der Labradore hatten im Jahr mindestens eine Diagnose, bei den übrigen Hunden waren es 65,8 Prozent; nach Bereinigung um Alter, Gewicht und weitere Einflüsse lag das Odds Ratio bei 1,00, also kein Unterschied.[2] Die Autoren fassen zusammen, der Labrador sei weder gesünder noch kränker, sondern anders. Häufiger als bei den übrigen Hunden waren unter anderem Arthrose, Lipome, Übergewicht und Ohrentzündungen, seltener etwa Kniescheibenverrenkung und Herzgeräusche.
Gelenke. In derselben Auswertung hatten 6,43 Prozent der Labradore eine Arthrosediagnose, gegenüber 2,06 Prozent der übrigen Hunde; das bereinigte Odds Ratio liegt bei 2,83.[2] Das ist ein Chancenverhältnis, keine Häufigkeit. Schwedische Versicherungsdaten der Jahre 2016 bis 2021 zeigen dasselbe Bild von anderer Seite: Die häufigste benannte Todesursache beim Labrador ist dort die Ellbogendysplasie, gemeint ist meist das Einschläfern wegen Lahmheit, mit einem relativen Risiko von rund dem Fünffachen gegenüber allen Rassen.[3] Die Werte sind aus einem Diagramm abgelesen.
Gewicht. Erwachsene Labradore wogen in der britischen Auswertung im Median 32 kg. Übergewicht war bei 10,94 Prozent vermerkt, bei den übrigen Hunden bei 6,82 Prozent.[2] Eine 14 Basenpaare lange Deletion im POMC-Gen geht mit mehr Hunger und mehr Gewicht einher, je Genkopie im Mittel 1,90 kg; ihre Allelfrequenz lag bei britischen Labradoren bei 12 Prozent, in einer Zucht für Assistenzhunde bei 45 Prozent.[4] Bei Labradoren mit hohem genetischem Risiko senkte eine strenge Führung von Futter und Bewegung durch den Halter den Körperzustand messbar, bei gering belasteten spielte sie keine Rolle.[5]
Ohren, Haut und Farbe. In einer Zufallsstichprobe von 2.074 Labradoren aus britischen Praxen war die Ohrentzündung 2013 mit 10,4 Prozent die häufigste Diagnose.[6] Schokobraune Labradore lebten dort im Median 10,7 Jahre, die übrigen 12,1 Jahre; die Zahl beruht auf nur 34 verstorbenen Schokobraunen. Ohr- und Hautentzündungen waren bei ihnen häufiger. Die Autoren vermuten als Ursache nicht die Farbe, sondern einen engeren Genpool, und halten das für nicht geklärt.[6]
Stargardt-Krankheit. Die Erkrankung der Netzhaut wird autosomal rezessiv vererbt und ist eine Labradorvariante; der Deutsche Retriever Club verlangt den Gentest seit 2025 für jeden neuen Zuchthund (Vereinsangabe). In einer weltweiten Gentestdatenbank lag die Allelfrequenz bei 16.856 Labradoren bei 0,11.[7] Das ist keine Erkrankungsrate. Betroffene Hunde sehen im Alter schlechter, behalten nach einer Verlaufsstudie an wenigen Tieren aber einen Teil ihres Sehvermögens.[8] Wie viele Labradore tatsächlich erkranken, misst keine Studie.
Kupferspeicherkrankheit. Bei manchen Labradoren reichert sich Kupfer in der Leber an, bis sie sich entzündet. Anders als bei einfachen Erbkrankheiten wirken mehrere Gene und die Fütterung zusammen: Zwei bekannte Genvarianten erklären nach einer niederländischen Studie zusammen nur 12,5 Prozent der genetischen Unterschiede.[9] Ein Gentest sagt deshalb für den einzelnen Hund wenig voraus. Behandlung und Fütterung gehören nach einem Befund zum Tierarzt.
Farbverdünnung. Zur Farbmutantenalopezie bei aufgehellten Labradoren gibt es keine belastbaren Daten. Am 30. September 2026 fand sich in den Literaturdatenbanken PubMed und Europe PMC keine begutachtete Arbeit mit Fallzahl oder Häufigkeit. Die Einschätzung der tierärztlichen Fachverbände stützt sich auf Erfahrungswissen aus der Praxis.[10]
Quellen: [1] McMillan und andere (2024), Longevity of companion dog breeds: those at risk from early death, Scientific Reports 14:531, Supplementary Table S3 und S5 (Volltext frei). [2] Pegram und andere (2021), Disorder predispositions and protections of Labrador Retrievers in the UK, Scientific Reports 11:13988, Abbildung 1 und Tabelle 1 (Volltext frei). [3] Agria Breed Profiles Labrador Retriever, LIFE 2016 bis 2021, Chart 5 und 6, bei DogWellNet (Berichtsangabe, Anmeldung nötig). [4] Raffan und andere (2016), A deletion in the canine POMC gene is associated with weight and appetite in obesity-prone Labrador retriever dogs, Cell Metabolism 23:893 bis 900 (Volltext frei). [5] Wallis und andere (2025), Canine genome-wide association study identifies DENND1B as an obesity gene in dogs and humans, Science 387 (Volltext frei). [6] McGreevy und andere (2018), Labrador retrievers under primary veterinary care in the UK: demography, mortality and disorders, Canine Genetics and Epidemiology 5:8 (Volltext frei). [7] Donner und andere (2023), Genetic prevalence and clinical relevance of canine Mendelian disease variants in over one million dogs, PLoS Genetics 19:e1010651, S3 Table (Volltext frei). [8] Ekesten und andere (2022), Abnormal appearance of the area centralis in Labrador Retrievers with an ABCA4 loss-of-function mutation, Translational Vision Science & Technology 11(2):36 (Volltext frei). [9] Fieten und andere (2016), The Menkes and Wilson disease genes counteract in copper toxicosis in Labrador retrievers, Disease Models & Mechanisms 9:25 bis 38 (Volltext frei). [10] Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz, Merkblatt Nr. 141, Stand Dezember 2023, S. 17 (Volltext frei); Qualzucht-Evidenz Netzwerk, Merkblatt Nr. 25, Color Dilution Alopecia, Stand 20. Juli 2026, Abschnitt 13 (Volltext frei).
Die Methode bei dieser Rasse
Auf dem Feldweg ist der Labrador ein paar Meter vorausgelaufen, verschwindet im Graben und kommt zurück, im Fang einen alten Arbeitshandschuh. Er trägt ihn hoch, die Rute schwingt, er tänzelt vor dir her und bleibt dann stehen, den Blick auf dich gerichtet. Er hat gefunden und bringt es dir.
Jetzt entscheidet sich, was aus dem Bringen wird. Greift der Mensch zu und zieht ihm den Handschuh aus dem Fang, lernt der Hund, dass er das Gefundene verliert, sobald er damit zum Menschen kommt. Beim nächsten Mal dreht er vorher ab, trägt seine Beute im Bogen um dich herum oder schluckt hinunter, was sich schlucken lässt. Am Ende behält er, was er früher gebracht hätte.
In Anton Fichtlmeiers Tauschkonzept läuft es anders. Der Hund darf dir etwas überlassen, er muss es nicht, und er bekommt dafür etwas, das ihm mehr wert ist. Er kommt als Anbieter, nicht als Verlierer, und deshalb kommt er wieder, mit dem Handschuh ebenso wie mit dem, was er besser nicht gefunden hätte. Aus dem, was der Labrador ohnehin am liebsten tut, wird so etwas, das ihr miteinander tut.
Wie sich das Tauschen von Anfang an aufbaut und wie aus dem Bringen gemeinsame Arbeit wird, beschreibt Anton Fichtlmeier in seinem Buch „Suchen und Apportieren“, siehe Empfehlung.
Kurz zusammengefasst
- Der Name gehörte ursprünglich einem anderen Hund. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts ging er auf den kleinen Jagdhund aus Neufundland über, aus dem der heutige Labrador wurde.
- Gezüchtet wurde der Labrador anfangs allein für die Arbeit, und ein Zeitzeuge hielt ihn 1907 noch für ungeeignet als Ausstellungshund. Heute trennen sich Showlinie und Arbeitslinie im Erbgut deutlich, im Verhalten nur wenig.
- Seine Anlage ist die Arbeit nach dem Schuss: finden, aufnehmen, mit weichem Maul bringen, nah beim Menschen. Ohne Jagd braucht sie eine andere Aufgabe.
- Beim Gewicht hat der Halter viel in der Hand, daneben stehen Ellbogen und Ohren im Vordergrund. Die Lebenserwartung liegt mit 13,1 Jahren im Median hoch für eine große Rasse.
- Ob ein Labrador das Gefundene weiter bringt, entscheidet sich in dem Moment, in dem er damit vor seinem Menschen steht.
Empfehlung
Für die Erziehung des Labradors passen folgende Angebote von Anton Fichtlmeier:
Bücher: Grunderziehung für Welpen, Der Hund an der Leine und Suchen und Apportieren.
Onlinekurse:
Weiterführende Informationen zur Fichtlmeier-Methode, zu Büchern, Seminaren und lizenzierten Hundeschulen findest du auf fichtlmeier.de.
Mitreden
Das Reel zu dieser Rasse findest du auf Instagram. Wenn du Fragen hast oder eigene Erfahrungen gemacht hast, diskutier dort mit.
Belege und Quellen
Zeitgenössische Quelle
F. E. Schofield, „III. The Labrador“, in: Robert Leighton (Hg.), „The New Book of the Dog“, Cassell, London 1907, S. 261 bis 265, Digitalisat bei archive.org (Volltext frei). Alle Zitate und Seitenzahlen wurden am 30. September 2026 an den Seitenbildern gegengelesen. Verfasser des Kapitels ist Schofield, nicht der Herausgeber Leighton. Vollständige Angabe siehe Quellen.
Hawker und die historische Abbildung
Peter Hawker, „Instructions to Young Sportsmen“, 6. Auflage, Longman, London 1830, Digitalisat bei archive.org (Volltext frei). Text zu den Hunden S. 248 bis 250, gleichlautend schon in der 2. Auflage 1816, S. 176 bis 177. Tafel zwischen S. 372 und 373, die Erklärung zum Hund aus St. John’s auf S. 385. Am Seitenbild gelesen, gemeinfrei.
Frühe Quellen zur Entstehung
Joseph Beete Jukes, „Excursions in and about Newfoundland“, Band 1, John Murray, London 1842, S. 191 bis 192, archive.org (Volltext frei). H. D. Richardson, „Dogs: their origin and varieties“, Dublin 1847, S. 77 bis 78, archive.org (Volltext frei). Am Seitenbild gelesen, gemeinfrei.
Namenswechsel und Deutschland
J. H. Walsh („Stonehenge“), „The Dogs of the British Islands“, 4. Auflage, London 1882, S. 179, archive.org (Volltext frei). Ludwig Beckmann, „Geschichte und Beschreibung der Rassen des Hundes“, Band 1, Vieweg, Braunschweig 1894, S. 220 bis 221, archive.org (Volltext frei). Am Seitenbild gelesen, gemeinfrei.
Steckbriefdaten
FCI-Rassestandard Nr. 122 (Volltext frei), Publikation des gültigen offiziellen Standards am 16. Juni 2022, Originalsprache Englisch, deutsche Übersetzung vom 22. November 2024. Gruppe, Sektion, Widerristhöhe, Haar, Farbe und Rute stammen direkt aus dem Standard, ein Gewicht legt er nicht fest. Die Wesenszitate stehen im Abschnitt „Verhalten / Charakter (Wesen)“, „very agile“ im englischen Original unter „Behaviour and Temperament“. Der Standard beschreibt das Zuchtziel, nicht den durchschnittlichen Hund.
Farbe im Standard
FCI-Standard Nr. 122, Abschnitt „Disqualifying faults“ im englischen Original: „Any other coat colour or combination of colours.“ Die deutsche Übersetzung führt unter den disqualifizierenden Fehlern nur Wesen und physische Abnormalitäten. In der Fassung vom 13. Oktober 2010 stand der Farbpunkt noch nicht.
Deutscher Retriever Club
Deutscher Retriever Club, Zuchtordnung für Labrador Retriever, Fassung vom 12. März 2026, § 3 Absatz 5 und § 4 Absatz 2, sowie Rasseseite Labrador Retriever für Vereinsgeschichte und Linienbeschreibung (Vereinsangabe).
Labrador Club Deutschland und VDH
Labrador Club Deutschland, Zuchtordnung, Stand 1. September 2025, § 14 Absatz 5 bis 7 und § 56 (Vereinsangabe). Röntgen von Hüften und Ellbogen: DRC § 3 Absatz 2 und 3, LCD § 14 Absatz 6 und 7. Einsatz vor dem Schuss nach der VDH-Rasseseite (Vereinsangabe).
Verbreitung und Verwendung
Welpenstatistik des VDH, Zeile Labrador Retriever, Jahr 2025, abgerufen am 30. September 2026 (Berichtsangabe). Bundestag, Drucksache 19/16276 vom 2. Januar 2020, S. 2 bis 3 (Volltext frei). Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband, Liste der Blindenführhundschulen, Stand 20. Mai 2026, selbst ausgezählt; die Rassen nennen die Schulen selbst (Vereinsangabe).
Show- und Arbeitslinie
Wiener und andere (2017), Genomic data illuminates demography, genetic structure and selection of a popular dog breed, BMC Genomics 18:609 (Volltext frei). Fadel und andere (2016), Differences in Trait Impulsivity Indicate Diversification of Dog Breeds into Working and Show Lines, Scientific Reports 6:22162 (Volltext frei). Linienbeschreibung nach der DRC-Rasseseite, siehe oben.
Linien beim Golden Retriever
Veterinary Genetics Laboratory, University of California Davis, Genetic Diversity Testing for Golden Retrievers, Stand 9. Oktober 2019, Abschnitt II.A.3 (Volltext frei). Die Trennung nach Linien „could be confirmed by testing Golden Retrievers with known performance, conformation or performance/conformation types“, am 1. Oktober 2026 gelesen.
Rechtsprechung
Verwaltungsgericht Lüneburg, Urteile vom 11. September 2025, 6 A 149/22 (Volltext frei) und 6 A 75/23 (Volltext frei), amtlicher Leitsatz; beide Verfahren betreffen dieselbe Züchterin und zwei Bescheide derselben Behörde, im Urteil 6 A 149/22 wird das TVT-Merkblatt Nr. 141 herangezogen.
Fachverbände und Kennel Club
Das Merkblatt Nr. 141 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz und das Merkblatt Nr. 25 des Qualzucht-Evidenz Netzwerks stehen unter „Zahlen und Studien zur Gesundheit“, Quelle [10]. The Kennel Club, New DNA testing scheme for Labrador Retrievers, Januar 2023 (Berichtsangabe).
Lebenserwartung
McMillan und andere (2024), siehe „Zahlen und Studien zur Gesundheit“, Quelle [1]. Die Einordnung als große Rasse steht in Supplementary Table S5.
Gesundheitszahlen
stehen unter „Zahlen und Studien zur Gesundheit“ weiter oben.
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