
Das erwartet dich
- Warum der erste Rassestandard von 1896 aus Ärger über englische Aufkäufer entstand
- Warum sich die Fachwelt um 1900 nicht einig war, ob die Bordeauxdogge überhaupt eine Rasse ist
- Wofür diese Hunde in Aquitanien gebraucht wurden, gleich vierfach
- Woran sich die stoische Ruhe im Alltag reibt, gerade weil sie so angenehm wirkt
- Was die Zahlen zu Gelenken, Herz und Atmung wirklich hergeben und was nicht
Film
Verschaff dir zuerst im Film einen Eindruck von diesem Hund, bevor es in seine Geschichte geht.

Illustration: Richard Strebel, Die Dogge von Bordeaux, aus: „Die deutschen Hunde und ihre Abstammung“, Kern & Birner, Frankfurt am Main 1905, Band 1, S. 245 (Gemeinfrei). Die Tafel trägt keine Hundenamen, sie zeigt zwei typische Vertreter der Rasse.
Kurzbeschreibung
Die Bordeauxdogge ist ein bodennah gebauter, sehr muskulöser Molosser mit kurzem, dünnem und weichem Haar in falbfarbenen Tönen, von Mahagoni bis Isabell, meist mit schwarzer oder brauner Maske. Alles am Körper ist auf Masse angelegt, am auffälligsten der mächtige, trapezförmige Kopf mit den symmetrischen Falten, dem tiefen Stopp und den dicken Lefzen. Die Ohren sind klein und hängend, nicht stehend. Die Fellpflege ist genügsam, Falten und Wamme brauchen dafür regelmäßig einen Blick. Im Wesen ist sie ruhig, ausgeglichen und mutig, ein Hund mit hoher Reizschwelle, der wenig Aufhebens macht. Ihr kurzer Fang ist zugleich ihr zentrales Gesundheitsthema.
Wie die Rasse um 1900 beschrieben wurde
Der erste Rassestandard der Bordeauxdogge entstand 1896 aus Ärger. „Comme des industriels anglais sont en train de nous démarquer une de nos meilleures races de chiens d’utilité français, il est temps d’y mettre le holà“, beginnt der Tierarzt Pierre Mégnin seine Schrift „Le Dogue de Bordeaux“ (Mégnin, Le Dogue de Bordeaux, 1896, S. 5), in eigener Wiedergabe: Englische Geschäftsleute machten den Franzosen eine ihrer besten Gebrauchshunderassen abspenstig, es sei Zeit einzuschreiten. Robert Leighton schildert 1907 dieselben Jahre von der anderen Seite: 1895 kauften englische Bulldoggenzüchter in Frankreich ein, es gab eigene Ausstellungsklassen, und als der Kennel Club das Kupieren der Ohren untersagte, erlosch das Interesse wieder.
Den Namen leitet Mégnin nüchtern her: Die Hunde trügen ihn daher, dass sie früher von den Metzgern von Bordeaux eingesetzt wurden, „et ils étaient si féroces qu’une ordonnance de police obligeait leurs propriétaires à les tenir solidement attachés et muselés“ (S. 6), in eigener Wiedergabe: so wild, dass eine Polizeiverordnung ihre Halter verpflichtete, sie fest angebunden und mit Maulkorb zu führen.
Was Mégnin als Merkmale festschreibt, liest sich vertraut: ein gedrungener, ziemlich kurzer Körper, eine Größe zwischen 65 und 72 Zentimetern, „une tête énorme, carrée“, in eigener Wiedergabe ein gewaltiger, viereckiger Kopf, von mindestens 64 Zentimetern Umfang, dazu ein Vorbiss von etwa einem Zentimeter, der von außen nicht zu sehen sein soll (S. 40 und 41). Der Kopf und der verdeckte Vorbiss stehen so noch im heutigen Standard, bei der Widerristhöhe liegt er heute niedriger.
Der deutsche Blick fiel skeptischer aus. Richard Strebel hält 1905 fest, diese Rasse habe „eine längere Vergangenheit als allgemein angenommen wird, trotzdem erst neuerdings die offizielle Kynologie sich ihrer angenommen hat“ (Strebel, Die deutschen Hunde, Band 1, 1905, S. 244). Ihren Ursprung führe sie „wohl ohne Zweifel“ auf den Mastiff zurück, dem das Blut einheimischer Rassen beigemischt sei, vor allem das des alten Alaunt. Über den Zweck lässt er keinen Zweifel: „ein mächtiger, etwas niedrig gestellter, aber massiger muskulöser Hund, eigentlich ein Kampfhund, der noch heutigen Tages in seiner Heimat zum Kampfe mit Bären, Stieren […], aber auch mit seinesgleichen benutzt wird“ (S. 247). Und über den Kopf: „Der Kopf ist von ungeheurer Größe und, im Verhältnis zum Körper des Hundes, schwerer als bei irgend einer andern Rasse“ (S. 247).
Wie offen die Herkunftsfrage damals noch war, zeigt ausgerechnet ein Zitat Mégnins, das Strebel anführt. 1891 hielt dieser die Bordeauxdogge für keine eigene Rasse, sondern für „nichts anderes […] als ein Kreuzungsversuch zwischen dem englischen Mastiff und den spanischen Bulldogen […], dessen Resultate […] keine selbständige Rasse ergaben; sie entwickelten sich schließlich, sich selbst überlassen, zu den heutigen Dogues de Bordeaux“ (Mégnin, Les races de chiens, 1891, zitiert nach Strebel, Band 1, 1905, S. 247). Fünf Jahre später schrieb derselbe Mégnin ihr den Standard.
Quellen: Pierre Mégnin (1896), S. 5 bis 43; Richard Strebel (1905), Band 1, S. 244 bis 248, darin zitiert Mégnin (1891); Robert Leighton (1907). Vollständige Quellenangaben siehe Quellen.
Die Entstehung der Rasse
Die Wurzeln liegen weit vor allem, worüber Strebel und Mégnin stritten. Der FCI-Standard zählt die Bordeauxdogge zu den ältesten Hunden Frankreichs und führt sie womöglich auf die Alanerhunde zurück, besonders auf den Saupacker, jenen schweren Hund, von dem Gaston Phébus, Graf von Foix, im 14. Jahrhundert in seinem „Buch von der Jagd“ sagt, er „hält seine Beute besser als dies drei Windhunde vermöchten“. Der Begriff „Dogge“ selbst kam Ende des 14. Jahrhunderts auf. Solche Hunde waren über Jahrhunderte in weiten Teilen Frankreichs verbreitet, ehe sich das Bild verengte: Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie fast nur noch in Aquitanien geschätzt, dem Südwesten rund um Bordeaux.
Dort hatten sie vier Aufgaben zugleich. Sie wurden zur Jagd auf Großwild eingesetzt, vor allem auf Wildschweine, zu Kämpfen, die oft nach festgesetzten Regeln abliefen, zur Bewachung von Häusern und Vieh und als Gehilfen der Schlachtknechte. Ein Hund für Arena, Hof und Schlachthaus, gehalten in einem Milieu, in dem Kraft und Standhaftigkeit zählten und nicht Aussehen.
Der Übergang zur Rasse beginnt mit den Ausstellungen. 1863 fand im Pariser Jardin d’Acclimatation die erste französische Hundeausstellung statt, und dort wurden die Bordeauxdoggen bereits unter ihrer heutigen Bezeichnung geführt. Einheitlich waren sie damit noch lange nicht. Der FCI-Standard benennt drei Typen jener Zeit, den Toulouser, den Pariser und den Bordeaux Typ, von denen der letzte der Ursprung der heutigen Dogge ist. Mégnin, der die folgenden Jahrzehnte als Fachjournalist begleitete, zeichnet eine unruhige Chronologie: 1863 verdiente unter allen Doggen ein einziger eine eigene Erwähnung, ein Rüde namens Magenta; 1883 gewann Bataille in den Tuilerien, ein Enkel des im Midi durch Stier- und Bärenkämpfe berühmten Mina; 1888 ließen drei bekannte Züchter ihre Hündinnen von einem Mastiff decken, der einem Zirkusartisten gehörte, und in den Jahren danach sah Mégnin unter dem Etikett Dogue de Bordeaux vor allem schlechte Mastiffs. Erst 1892 traten mit Buffalo und Sultane wieder zwei Hunde auf, die ihm als Vorlage taugten. Nach diesen beiden beschrieb er 1896 die Rasse (Mégnin, Le Dogue de Bordeaux, 1896, S. 6 bis 14).
Auf Mégnins Text folgten drei weitere Standards: J. Kunstler 1910, Raymond Triquet zusammen mit Maurice Luquet 1971 und 1993 die Neufassung nach dem FCI-Modell von Jerusalem, ergänzt um Präzisierungen im Jahr 2007.
Das 20. Jahrhundert hätte die Rasse fast beendet. Der FCI-Standard hält fest, sie habe während der beiden Weltkriege sehr zu leiden gehabt, sei nach dem Zweiten Weltkrieg sogar vom Aussterben bedroht gewesen und habe in den 1960er Jahren einen neuen Aufschwung erlebt.
Ursprüngliche Verwendung und Entwicklung
Was diese vier alten Aufgaben verlangten, war in allen Fällen dasselbe: festhalten und nicht loslassen. Der Saupacker packte das Schwein und hielt es, bis der Mensch kam. Der Hof- und Viehwächter stand allein und musste die Lage über Stunden selbst beurteilen, ohne dass ihm jemand sagte, wann es losgeht. Der Gehilfe des Schlachtknechts hielt das Rind. Und in der Arena ging es gegen einen Gegner, der stärker war. Gefragt waren Masse, ein gewaltiges Gebiss, Standhaftigkeit und die Fähigkeit, lange nichts zu tun und dann alles. Ausdauer im Laufen, Tempo, Feinarbeit auf Distanz: alles nicht.
Von diesen Aufgaben ist keine geblieben. Tierkämpfe sind verboten, die Jagd auf Schwarzwild führt man anders, und Schlachthöfe arbeiten ohne Hund. Der FCI-Standard nennt als Verwendung heute Bewachung, Schutz und Abschreckung, in der Praxis lebt die weit überwiegende Zahl dieser Hunde als Familienhund. Die Anlagen sind davon unberührt. Ein Hund, der jahrhundertelang darauf gezüchtet wurde, allein zu entscheiden und dann zu halten, verliert das nicht dadurch, dass er im Wohnzimmer liegt.
Was diese Rasse heute prägt
Der Standard beschreibt das Wesen der Bordeauxdogge als ruhig und ausgeglichen, mit hoher Reizschwelle, aufmerksam und mutig, aber ohne Aggressivität, und dem eigenen Menschen gegenüber sehr anhänglich. Das trifft den Kern, und es ist zugleich der Punkt, an dem die Rasse leicht falsch gelesen wird. Eine hohe Reizschwelle heißt nicht, dass ein Hund nicht reagiert. Sie heißt, dass er lange nicht reagiert. Er springt nicht bei jeder Kleinigkeit an, er bellt nicht vorsorglich, er baut sich nicht sichtbar auf. Er sieht zu und lässt es zu, bis er es nicht mehr zulässt. Warum zwei gleichermaßen wachsame Hunde im Alltag völlig verschieden wirken, steht im Sachthema Wachverhalten.
Für den Menschen bedeutet das: Die Vorstufen, an denen man bei anderen Rassen abliest, dass es gleich eng wird, fehlen hier weitgehend oder sind sehr fein. Dazu kommt das Wachverhalten, das aus der alten Aufgabe stammt und sich auf Haus, Grundstück und Familie richtet, und die schlichte körperliche Tatsache, dass hier ein sehr schwerer Hund steht. Die Anhänglichkeit geht dabei mit einer feinen Wahrnehmung einher: Eine Bordeauxdogge liest die Stimmung im Haus und stellt sich darauf ein, auch auf Unruhe, die gar nicht ihr gilt. Ruhe und Masse zusammen ergeben einen sehr angenehmen Hund und einen, bei dem man wenig Spielraum für Missverständnisse hat.
Was Hundehalter heute erwarten, und woran sie sich reiben
Was Menschen in dieser Rasse suchen, ist meist genau das, was sie auch bekommen: einen ruhigen, imposanten Hund, der nicht kläfft, der zu Hause wenig Platz im übertragenen Sinn einnimmt und der Eindruck macht, ohne dafür etwas tun zu müssen. Die Erwartung stimmt. Die Reibung entsteht an drei anderen Stellen.
Die erste ist der Umgang mit dem Wachverhalten. Wer die Gelassenheit als Desinteresse liest, greift zu spät ein. Und wenn ein Hund dieser Masse einmal entschieden hat, ist er körperlich nicht mehr zu korrigieren.
Die zweite ist der Körper. Die Vorstellung, ein großer Hund brauche große Runden, trifft hier nicht zu, weder beim Junghund noch beim erwachsenen, und wer die Zurückhaltung als Faulheit deutet, überfordert ihn. Dazu kommt, worauf die kraftvolle Erscheinung nicht vorbereitet: Die Lebenserwartung liegt unter der von Mischlingen, und die typbedingten Themen melden sich, während der Hund noch imposant aussieht.
Die dritte Stelle ist die Rechtslage. In Bayern gilt die Bordeauxdogge nach der Verordnung über Hunde mit gesteigerter Aggressivität und Gefährlichkeit als Hund der Kategorie 2, bei dem diese Eigenschaft vermutet wird, solange sie für den einzelnen Hund nicht widerlegt ist. Wer sie dort hält, braucht eine Erlaubnis der Wohnsitzgemeinde, es sei denn, ein Sachverständigengutachten führt zum sogenannten Negativzeugnis, das seinerseits mit Auflagen verbunden sein kann. Andere Bundesländer regeln das unterschiedlich, und was am Wohnort gilt, entscheidet über den Alltag.
Anforderungen, die diese Rasse stellt
Als Erstes verlangt die Bordeauxdogge körperliche Voraussetzungen. Ein Mensch, der einen Hund dieser Masse an der Leine sicher halten kann, auch dann, wenn dieser Hund gerade etwas anderes will. Das ist keine Frage der Technik allein, sondern auch des Gewichts und der Standfestigkeit desjenigen, der die Leine hält.
Dazu kommt Zeit, und zwar vor allem im ersten Lebensjahr. Der schwere Körper wächst lange, in dieser Phase sind kurze, ruhige Wege, wenig Treppen und kein Toben auf hartem Untergrund gefragt. Der Alltag danach sollte geordnet und ruhig sein, mit klaren Abläufen und ohne Dauertrubel. Hundesport und Leistungsarbeit sind nicht das Feld dieser Rasse. Im Sommer richtet sich der Tag nach der Temperatur, nicht nach dem Kalender, und im geparkten Auto hat ein kurzköpfiger Hund nichts verloren.
Schließlich der Rahmen, der sich rechnen lässt: Platz für einen Hund, der ausgestreckt einen halben Raum einnimmt, dazu Futter, Tierarzt und Versicherung, die bei dieser Größe deutlich stärker zu Buche schlagen als bei einem mittelgroßen Hund. Auch die Rechtslage am Wohnort gehört vorab geprüft.
Gesundheit im Blick
Vier Themen sind mit Zahlen unterlegt, sie stehen im Zahlenblock darunter. Die Lebenserwartung liegt nach der bislang größten Auswertung bei rund 11,1 Jahren im Median, gegenüber 12,0 Jahren in der Vergleichsgruppe der Mischlinge derselben Auswertung. Deutlich kürzere Werte, die zu dieser Rasse im Umlauf sind, stammen aus einer sehr kleinen älteren Erhebung und messen etwas anderes; der Zahlenblock ordnet das ein. Am Bewegungsapparat steht die Ellbogendysplasie im Vordergrund. Am Herzen fällt vor allem Vorhofflimmern auf, erhoben allerdings an einer Klinikgruppe. Beim kurzen Fang ist ein Teil der untersuchten Hunde ohne Befund, ein Teil nicht.
Daneben stehen Themen, die aus dem Bau folgen und für die keine rassespezifischen Häufigkeiten vorliegen: die Hitzeempfindlichkeit, die Hautfalten am Kopf, die sich entzünden können, die Lidränder, die nach innen oder nach außen rollen können, was Entropium und Ektropium heißt, dazu die Hüftgelenke und die Magendrehung. Auch zu Geburtsverläufen und Kaiserschnittraten liegen für diese Rasse keine belastbaren Zahlen vor.
Zur Qualzuchtfrage
Was Qualzucht rechtlich bedeutet und wo andere Länder die Schnauze messen, steht im Sachthema Qualzucht. Bei dieser Rasse geht es um den kurzen Fang.
Die Bordeauxdogge zählt zu den brachyzephalen, also kurzköpfigen Rassen; die bislang breiteste Untersuchung zum brachyzephalen Obstruktionssyndrom führt sie unter vierzehn solchen Rassen. Kurzer Fang, tiefer Stopp, ein Kopf, dessen Umfang beim Rüden ungefähr der Widerristhöhe entsprechen soll, dazu Falten und Wamme: Das ist kein Zufallsergebnis, sondern beschriebenes Zuchtziel seit 1896.
Im selben Text von 1896 steht allerdings auch die Warnung. Wenige Zeilen nach den Rassemerkmalen beschreibt Mégnin eine Form, die er ausdrücklich nicht will: einen kleineren Hund mit runderem Kopf, kürzerem Nasenrücken und deutlich vorstehendem Unterkiefer. Sie verdanke ihren Bau einem „arrêt de développement des os sus-naseaux“, in eigener Wiedergabe einem Entwicklungsstillstand der Nasenbeine, und weiter: „C’est une monstruosité héréditaire et qui tend à s’exagérer au fur et à mesure des générations successives“ (Mégnin, Le Dogue de Bordeaux, 1896, S. 42), in eigener Wiedergabe: eine erbliche Fehlbildung, die sich über die aufeinanderfolgenden Generationen zu verstärken neige. Ausgerechnet ein Hund dieses Typs, ein kleiner Rüde namens Turc, wurde nach England verkauft und dort als Typvertreter der Rasse geführt (S. 42 und 43). Über die heutigen Hunde sagt das nichts. Es zeigt aber, dass der Mechanismus, um den heute gestritten wird, dem Verfasser des ersten Standards bekannt war und dass er ihn für gefährlich hielt.
Auch der heutige Standard zieht Grenzen. Er gibt dem Fang eine untere Schranke, ein Viertel der gesamten Kopflänge, und nennt das Erreichen dieser Schranke zulässig, aber nicht erwünscht. Ein kürzerer Fang, eine geschwollene Falte hinter dem Nasenschwamm und eine beträchtliche Falte rund um den Kopf stehen unter den schweren Fehlern, ebenso „übermäßig kurzatmig, keuchend“. Und er schließt mit dem Satz, zur Zucht sollten ausschließlich funktional und klinisch gesunde Hunde verwendet werden. Das Problem liegt also nicht im Wortlaut des Standards, sondern in dem, was in der Zucht daraus wird.
Ein verbindliches Maß, an dem sich die Kurzköpfigkeit dieser Rasse prüfen ließe, kennt das deutsche Recht nicht.
Die Fakten liegen offen, welche Schlüsse du daraus ziehst, bleibt dir überlassen.
↓ Die genauen Zahlen und die Belege dazu findest du im aufklappbaren Abschnitt „Zahlen und Studien zur Gesundheit“.
Zahlen und Studien zur Gesundheit
Vier Auswertungen sind belastbar, jede mit einer eigenen Einschränkung.
Lebenserwartung. Die bislang größte Auswertung, 584.734 Hunde in Großbritannien, nennt für die Rasse einen Median von 11,1 Jahren bei 3427 lebenden und 1204 verstorbenen Tieren, Konfidenzintervall 10,6 bis 11,7 Jahre. Die Sterberate liegt rund 1,4-mal so hoch wie bei den Mischlingen derselben Auswertung, deren Median 12,0 Jahre beträgt (Hazard Ratio 1,40).[1]
Warum daneben viel kürzere Zahlen kursieren. Eine englische Praxisauswertung von 2013 nennt für die Bordeauxdogge ein medianes Sterbealter von 5,5 Jahren, den niedrigsten Wert aller dort erfassten Rassen, gegenüber 12,0 Jahren über alle Hunde.[6] Für die Rasse beruht dieser Wert allerdings auf 21 Todesfällen, und er misst das Sterbealter gemeldeter Fälle, nicht die Überlebenszeit einer Population. Die 5,5 und die 11,1 Jahre messen also nicht dasselbe und dürfen nicht gegeneinander gestellt werden.
Ellbogen. In einer französischen Auswertung von 17.861 Röntgenbefunden aus 13 Rassen lag die Prävalenz der Ellbogendysplasie insgesamt bei 11,4 Prozent, bei der Bordeauxdogge bei 32,2 Prozent, dem höchsten Wert der 13 Rassen.[2] Erfasst sind Hunde, die zur Beurteilung geröntgt wurden, nicht die Gesamtpopulation.
Atmung. Eine Untersuchung an 14 brachyzephalen Rassen ordnet die Bordeauxdogge bei 51 untersuchten Hunden dem mittleren Risiko für das brachyzephale Obstruktionssyndrom zu, 25 bis 50 Prozent der Hunde waren ohne Befund (Grad 0). Sie gehört zu den sechs Rassen, bei denen eine schwere Verengung der Nasenlöcher dokumentiert wurde.[3]
Herz. Von 64 Bordeauxdoggen, die zwei britischen Überweisungskliniken kardiologisch vorgestellt wurden, hatten 25 (39 Prozent) Vorhofflimmern, 5 (7,8 Prozent) eine supraventrikuläre Tachykardie.[4] Eine vorselektierte Klinikgruppe, kein Rassedurchschnitt.
Keine Daten. Zur Kaiserschnittrate liegt keine belastbare Zahl vor, die einschlägige britische Erhebung zu 151 Rassen führt die Rasse nicht.[5]
Quellen: [1] McMillan und andere (2024), Longevity of companion dog breeds, those at risk from early death, Scientific Reports, Rassewerte in Supplementary Table S3 (Volltext frei). [2] Roels und andere (2024), Prevalence of elbow dysplasia in 13 dog breeds in France, American Journal of Veterinary Research (Zusammenfassung frei). [3] Tomlinson und andere (2026), A cross-sectional study into the prevalence and conformational risk factors of BOAS across fourteen brachycephalic dog breeds, PLOS ONE (Volltext frei). [4] McAulay und andere (2018), Phenotypic description of cardiac findings in a population of Dogue de Bordeaux with an emphasis on atrial fibrillation, The Veterinary Journal (Zusammenfassung frei). [5] Evans und Adams (2010), Proportion of litters of purebred dogs born by caesarean section, Journal of Small Animal Practice (Zusammenfassung frei). [6] O’Neill und andere (2013), Longevity and mortality of owned dogs in England, The Veterinary Journal (Volltext frei).
Die Methode bei dieser Rasse
Es klingelt. Du gehst zur Tür, die Bordeauxdogge geht mit. Sie bellt nicht, sie drängelt nicht, sie steht eine Handbreit vor dir und sieht zu, wie du öffnest. Das ist der Moment, in dem es kippt, und er sieht harmlos aus. Ein Hund mit hoher Reizschwelle zeigt die Vorstufen nicht, an denen man sonst abliest, dass gleich etwas passiert. Er wartet ab. Und wenn er sich entscheidet, hat ein sehr schwerer Hund die Entscheidung bereits getroffen, während sein Mensch noch die Tür in der Hand hält.
Geklärt wird das deshalb nicht an der Tür, sondern lange bevor jemand klingelt. Über die fünf Freiraumzonen bekommt der Hund eine feste Antwort auf die Frage, wie weit er gerade darf. An der Tür heißt das: Sein Platz ist hinter dir, und er nimmt ihn ein, bevor du die Klinke anfasst, nicht danach. Ein Hund, der weiß, wo er steht, muss nicht selbst darüber befinden, wer hereinkommt. Diese Frage zu beantworten ist ohnehin Sache des Menschen, nicht des Hundes.
Das Zweite ist die Leine, und zwar dieselbe Szene wenige Minuten später, wenn ihr an dem Besucher vorbei vor die Tür tretet. Bei einem Hund, der schwerer sein kann als der Mensch am anderen Ende, taugt sie nicht als Korrekturmittel, im Ernstfall hält sie ihn ohnehin nicht. Im Leinenkonzept ist sie eine Verbindung, über die feine Information läuft, lange bevor Kraft überhaupt eine Rolle spielt. Wie sich beides Schritt für Schritt aufbauen lässt, beschreibt Anton Fichtlmeier in seinen Büchern und Onlinekursen, siehe Empfehlung.
Kurz zusammengefasst
- Der mächtige Kopf ist kein Auswuchs der letzten Jahrzehnte, er stand schon 1896 im ersten Rassestandard und 1905 bei Strebel im Zentrum der Rassebeschreibung.
- Aus dem Hund für Arena, Hof und Schlachthaus ist ein Wächter geworden, die Anlage, allein zu entscheiden und dann zu halten, ist geblieben.
- Die hohe Reizschwelle ist ihre größte Stärke und die Stelle, an der sie leicht falsch gelesen wird.
- Die sehr kurzen Lebenserwartungen, die zu dieser Rasse kursieren, gehen auf eine Erhebung mit 21 Todesfällen zurück; die größte Auswertung nennt 11,1 Jahre im Median, bei erhöhter Sterberate gegenüber Mischlingen.
- Schon Mégnin nannte 1896 die kurzschnäuzige Form eine erbliche Fehlbildung, und auch der heutige Standard zieht dem kurzen Fang und den Falten Grenzen. Entschieden wird die Frage in der Zuchtpraxis und im Ring.
Empfehlung
Für die Erziehung und Führung einer Bordeauxdogge passen folgende Angebote von Anton Fichtlmeier:
Bücher: Grunderziehung für Welpen, Der Hund an der Leine
Onlinekurse:
Weiterführende Informationen zur Fichtlmeier-Methode, zu Büchern, Seminaren und lizenzierten Hundeschulen findest du auf fichtlmeier.de.
Mitreden
Das Reel zu dieser Rasse findest du auf Instagram. Es trägt noch den älteren Einstieg „Sanftmütiger Beschützer“. Warum diese Lesart zu kurz greift, steht oben im Abschnitt zum Wesen. Wenn du Fragen hast oder eigene Erfahrungen gemacht hast, diskutier dort mit.
Belege und Quellen
Zeitgenössische Quellen
Pierre Mégnin, „Le Dogue de Bordeaux. Points caractéristiques arrêtés par la Section des Chiens de garde de la Réunion des Amateurs de chiens d’utilité français“, Bibliothèque de l’Éleveur, Vincennes und Paris 1896, S. 5 bis 43. Dies ist der erste Rassestandard der Bordeauxdogge; der FCI-Standard Nr. 116 führt ihn in seiner Standardfolge als Nummer 1. Alle Zitate und Seitenzahlen wurden am Originalscan des Digitalisats der Bibliothèque nationale de France gelesen, nicht per Texterkennung. Die französischen Zitate stehen in Originalschreibweise, die deutschen Wiedergaben sind als eigene Übersetzung gekennzeichnet.
Richard Strebel, „Die deutschen Hunde und ihre Abstammung“, Kern & Birner, Frankfurt am Main 1905, Band 1, S. 244 bis 248, dazu die Tafel auf S. 245. Alle Zitate und Seitenzahlen wurden gegen die geprüfte Transkription des Originals im Rasseordner gegengelesen. Das Zitat aus dem Jahr 1891 entstammt Pierre Mégnin, „Les races de chiens“, Vincennes 1891, und wird nach Strebel, Band 1, S. 247, wiedergegeben.
Robert Leighton, „The New Book of the Dog“, 1907, Kapitel „The Dogue de Bordeaux“, S. 508 bis 510. Alle Werke gemeinfrei. Vollständige Angaben siehe Quellen.
Steckbriefdaten
FCI-Rassestandard Nr. 116, Datum der Publikation des gültigen offiziellen Standards 4. November 2008, deutsche Fassung, Übersetzung Michele Schneider, ergänzt und überarbeitet von Christina Bailey, durch den VDH überprüft, offizielle Originalsprache Französisch. Gruppe, Sektion, Verwendung, Widerristhöhe, Gewicht, Haar, Farbe und Merkmale stammen direkt aus dem Standard. Der Standard beschreibt das Zuchtziel, nicht den durchschnittlichen Hund, reale Tiere weichen je nach Linie ab.
Rassegeschichte und Standardfolge
Sammelbeleg für den Abschnitt „Die Entstehung der Rasse“: FCI-Rassestandard Nr. 116, Abschnitt „Kurzer geschichtlicher Abriss“ und die dort aufgeführte Standardfolge. Von dort stammen die Einordnung als einer der ältesten Hunde Frankreichs, der Verweis auf die Alanerhunde und den Saupacker, das Zitat aus Gaston Phébus‘ „Buch von der Jagd“, das Aufkommen des Begriffs „Dogge“ Ende des 14. Jahrhunderts, Aquitanien als letztes Rückzugsgebiet, die vier Verwendungen, die Ausstellung von 1863 im Pariser Jardin d’Acclimatation, die drei Typen, die Standardfolge Mégnin 1896, Kunstler 1910, Triquet und Luquet 1971, Neufassung 1993 und Präzisionen 2007 sowie der Schlussabsatz zu den beiden Weltkriegen, der Bedrohung durch das Aussterben nach 1945 und dem Aufschwung in den 1960er Jahren.
Die Ausstellungschronologie zwischen 1863 und 1896, also Magenta, Bataille und Mina, die Mastiffdeckung von 1888 und die Typhunde Buffalo und Sultane, stammt aus Pierre Mégnin, „Le Dogue de Bordeaux“, 1896, S. 6 bis 14. Sie gibt Mégnins zeitgenössische Sicht wieder, nicht eine unabhängige Rekonstruktion.
Rechtslage Rasselisten
Verordnung über Hunde mit gesteigerter Aggressivität und Gefährlichkeit vom 10. Juli 1992 (GVBl. S. 268), BayRS 2011-2-7-I, § 1 Abs. 2. Die Bordeauxdogge ist dort unter den Rassen der Kategorie 2 aufgeführt, bei denen die Eigenschaft als Kampfhund vermutet wird, solange sie der zuständigen Behörde für den einzelnen Hund nicht widerlegt wird. Zu den Rechtsfolgen, also der Erlaubnis der Wohnsitzgemeinde nach Art. 37 des Landesstraf- und Verordnungsgesetzes und dem Negativzeugnis nach § 1 Abs. 2 der Verordnung, das auf Sachverständigengutachten hin erteilt und mit Auflagen versehen werden kann: Bayerische Polizei, Gesetzliche Regelungen zum Umgang mit gefährlichen Hunden in Bayern (Berichtsangabe).
Rechtslage Qualzucht
Tierschutzgesetz Paragraph 11b, Zuchtverbot bei zu erwartenden erblich bedingten Schäden. Zum niederländischen Kriterium: Marjan A. E. van Hagen, „Fokken met kortsnuitige honden. Criteria ter handhaving van art. 3.4 Besluit houders van dieren“, Universität Utrecht, 21. Januar 2019 (Volltext frei). Dort gilt ein Verhältnis von Nasenlänge zu Schädellänge von 0,3 oder darunter als Überschreitung der Norm. Das Papier legt Kriterien für den Vollzug von Artikel 3.4 fest, es ist nicht selbst die Rechtsnorm.
Gesundheitszahlen
stehen unter „Zahlen und Studien zur Gesundheit“ weiter oben.
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